Lesetipp: Wired (Heft u. App)

wired deutschland iPad App IconWikipedia, help me out please: “Wired ist ein durch eine Gruppe um Louis Rossetto und Jane Metcalfe im März 1993 gegründetes US-amerikanisches Technologie-Magazin. Das Magazin greift auch aktuelle Entwicklungen rund um Netzkultur, Architektur, Design und Politik auf. Es versteht sich als Medium der Geeks und Technik-Freaks. Wired gehört seit 1998 zum Condé-Nast-Verlag.”

Zu Testzwecken wurde uns freundlicherweise die Zweitausgabe (01-2012) zur Verfügung gestellt, die mit folgenden Titelzeilen auf dem Cover auch besonders mobileTicker-affin erscheint: “Wettrüsten – Smartphones mit Monster-Displays”, “Tumblr – Ein Mann stolpert über 800 Millionen”, “Der seltsame Fall des Kim DotCom” (Tolle, exklusive Illustrationen/Comics dazu von Rick Veitch, S. 59, 72 ff.). Die Coverstory titelt “Das Web steht vor dem Blackout – Wie es trotzdem weitergeht”. Für Spannung ist also schon mal üppig gesorgt, noch bevor man das 140 Seiten starke und aufgrund seines guten Papiers schwere Magazin erstmals aufblättert. Das Layout wirkt frisch, stark bildlastig und gefällig (eine Mischung aus alten “Datamation”-Heften und dem “IT-Director”-Stil), wenn auch teilweise nicht besonders lesefreundlich (graue Schrift im Inhaltsverzeichnis; teils sehr kleine, graue Schrift in Kästen und Bildunterschriften).

Inhaltlich gelingt vor allem durch originelle Ansätze das Kunststück, sowohl technisch interessierten Otto Normal-Lifestylern wie auch Fachleuten noch etwas zu bieten. Das wird Computerwoche & Co. nicht die (ohnehin spärlicher werdenden) Käuferfluten abgraben, stellt aber mal sicher eine mutige Bereicherung im sonst oft so piefigen deutschen Blätterwald dar. Dabei gehen die Beiträge schon aufgrund ihrer Kürze nie besonders tief. Beispielsweise die knappe Vorstellung von luluvise.com, einem Social Network nur für Frauen (“wir müssen draußen bleiben” ;-) ) hat unsereiner eben nicht auf Facebook (oder in der Brigitte), sondern hier gefunden. Oder die brillante Idee, Gebote und Verbote der Weltreligionen mal in einer Infografik zusammenzufassen (S. 24-25): alle Religionen verdammen den Ehebruch, Masturbation wird mal geduldet (Anglikaner), verdammt (Katholizismus, schiitischer Islam) oder “fast im positiven Sinne abgesegnet (im Tantra-Hinduismus)”! Das ist spannendstes Infotainment, das nebenbei noch dazu angetan ist, mit einigen Vorurteilen aufzuräumen.

Relevante Themen und Autoren werden zuhauf gefunden: Etwa Amir Kassaei (DDB) zur “Markenwerbung im nächsten Zeitalter”. Oder Miriam Meckel zum personalisierten Internet (S. 44-45). Ich bin ausdrücklich nicht Meckels hier vertretener Meinung: Durch lernende Algorithmen wird uns vom “Netz” (Suchmaschinen, Soziale Netzwerke) nur noch angeboten, was uns interessiert und was wir daher ohnehin schon kennen. So würde “die Welt zu einem Hohlspiegel unserer individuellen Wünsche und Präferenzen und wir leiden irgendwann an Weltkurzsichtigkeit”. Aber lesenswert und diskussionswürdig ist das allemal.

"Das iPhone-Defizit" laut Wired DeutschlandAuch Gadgets dürfen natürlich in diesem Format nicht fehlen, doch Originalität auch hier: Auf den Schild gehoben werden etwa Technik(spiel)zeuge aus Holz (S. 54-55). Mobile Professionals dürfen sich auch auf “Das allsehende i” stürzen, Zubehör, welches das iPhone zu einem Camcorder ergänzt (S. 56-57). Der Beitrag zu “Phablets” (Zwitter zwischen Smartphones und Tablets) namens “Die Größe zählt doch” ist allerdings erwartungsgemäß nur eine bilderreiche, hübsche Doppelseite (S. 120-21) mit einem Infogehalt deutlich unterhalb entsprechender Computerbild-Aufbereitungen.

Die Erstausgabe erschien am am 8. September 2011 und wurde im Bündel mit der deutschen GQ verkauft – ein bizarres Bundling, doch das Edeltittenblatt kommt halt aus dem gleichen Verlag. Fürs laufende Jahr sind zwei Ausgaben geplant, die es auch wieder gebündelt mit der GQ geben soll. Wie es danach weitergeht, wird von den Verkaufszahlen abhängen… Die Wired-Printausgabe kostet 3,80 Euro pro Heft. Es gibt sie vorerst nur am Kiosk – zu Wired im Abonnement heißt es “im Moment gibt es diese Möglichkeit noch nicht”!

Video startet nach iPad-Rotation
Doch stattdessen gibt es sämtliche Inhalte ja auch in einer iPad-App. Wir haben uns die kostenlos verfügbare Kennenlern- und Erstausgabe zu Gemüte geführt – und sind begeistert: Eine derartig spannende, interaktive Umsetzung von Lesestoff als App haben wir (jenseits von Flipboard) in Deutschland noch nicht gesehen. Das sieht schlicht cool aus, das macht Spaß (Vogelgezwitscher ertönt beim Aufblättern einer entsprechenden Seite), das funktioniert intuitiv und doch pfiffig (Eingebettetes Video läuft ab, wenn das iPad gedreht wird). Und da sogar einige Anzeigen interaktiv gestaltet wurden, fügt es diesen sonst hastig überblätterten Werbeträgern eine völlig neue Dimension hinzu: Gut für die Konsumenten, die Werbetreibenden und das Medium. Vermisst haben wir allerdings (im Gegensatz etwa zu in diesem Punkt beispielhaften Flipboard-Aufbereitungen) die Möglichkeit, Inhalte komfortabel zu teilen bzw. zu exportieren, auch Merk- und Anmerkungs-Funktionen scheinen zu fehlen. Trotz der ja offensichtlichen Kopierschutzproblematik vielleicht eine Anregung für Version 1.3? Version 1.2 der App unterstützt Retina-Displays. Die Erstausgabe ist wie gesagt kostenlos verfügbar, Folgeausgaben kosten (gut angelegte) 2,99 Euro.

Chefredakteur Print wie Online ist übrigens der ehemalige Ressortleiter Digital von Focus Online, Alexander von Streit. Gründungsredakteur Thomas Knüwer (u.a. indiskretionehrensache.de) unterstützt ihn als “Editor-at-Large”. Die Herren können auf Ihr Baby stolz sein – denn die deutsche Wired gehört zum Spannendsten, was man heute in Deutschland lesen kann. Fazit: **** (Print)
***** (iPad App)

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